Zum Todestag von Amadeu Antonio
Es gab schon immer Fremdenfeindlichkeit in der DDR. Man redete zuhause am Tisch von „Fidschis“ und „Braunkohlen“. (abwertend für vietnamesische oder afrikanische Vertragsarbeiter). Alltäglicher Rassismus war trotz offizieller Gleichheitspropaganda tief in der Gesellschaft verankert.
In der Schule war „Jude“ ein Schimpfwort. Man wurde auf angewachsene Ohrläppchen abgecheckt. Und wir reden hier von der Mitte der 80er. Alles, was von der staatlichen Norm abwich, also Punks, Hippies, Andersdenkende… galt als Bedrohung. Während die Staatssicherheit diese Gruppen massiv überwachte und zersetzte, wurden rechtsextreme Tendenzen häufig ignoriert. Neonazis hatten selten Stress mit der Polizei im Osten und wurden eher geduldet. Nach dem Fall der Mauer war dann Schluss mit jeglicher Zurückhaltung. Die sogenannten Baseballschlägerjahre begannen. Gäste aus den sozialistischen Bruderländern waren auf einmal Freiwild und der Stammtisch-Rassismus trug hochgradig gewalttätige Früchte. Menschen wurden schwer verletzt oder starben sogar. Einer von ihnen war Amadeu Antonio. Den Namen kennt ihr vielleicht, es gibt schon länger eine Stiftung mit seinem Namen. Seine Tötung ist heute 35 Jahre her. Amadeu Antonio wurde in der Nacht vom 24. auf den 25. November 1990 von Neonazis angegriffen und so schwer verletzt, dass er ins Koma fiel; gestorben ist er aber erst am 6. Dezember 1990 im Krankenhaus.
Amadeu Antonio Kiowa kam als Vertragsarbeiter aus Angola in die DDR, um hier zu arbeiten und sich ein Leben aufzubauen. Er wurde in Eberswalde von einem rassistischen Mob gejagt und brutal zusammengeschlagen, weil er ein Schwarzer Mann war.
Es konnte passieren, weil in der DDR und in der Nachwendezeit mehrere Dinge zusammenkamen: ein tief sitzender, nie aufgearbeiteter Rassismus, ein Staat, der rechte Gewalt jahrzehntelang verdrängte, und nach 1989 ein Vakuum aus Unsicherheit, Abstiegsangst und orientierungsloser Wut, die sich gegen „Fremde“ richtete. Die Polizei war bei der Tat an Amadeu Antonio vorinformiert, griff aber nicht ein, und in vielen Fällen wurden Täter nur milde verurteilt; dieses Wegschauen signalisierte, dass Schwarze Menschen und Vertragsarbeiter weniger Schutz erwarten konnten. Medien und Politik sprachen lange eher von „Rowdys“ oder „Ausschreitungen“, statt klar von rassistischem Terror, was die Dimension zusätzlich verharmloste.
Heute ist die Lage anders, aber gefährlich bleibt sie: Es gibt Beratungsstellen, Gedenkinitiativen und zivilgesellschaftliche Netzwerke, die solche Taten benennen, dokumentieren und Betroffene unterstützen, und Gerichte erkennen rassistische Motive häufiger an. Zugleich zeigen Zahlen zu rechten Gewalttaten, Hetzjagden, Anschlägen auf Unterkünfte und die Stärke rechtsextremer Parteien, dass Rassismus und organisierter Neonazismus weiterhin eine ernsthafte Bedrohung für Minderheiten und für die Demokratie sind. Gefährlich ist weniger „nur“ der harte Kern der Neonazis, sondern das Zusammenspiel aus Alltagsrassismus, Verschwörungserzählungen, Entsolidarisierung und politischer Stimmung, die rechten Gewalttätern ein Gefühl von Rückhalt oder Legitimation geben kann.
Übergriffe nehmen deutlich zu: Für 2024 meldeten Behörden vorläufig 41.406 rechtsextreme Straftaten; ein Rekordhoch mit 1.443 Gewalttaten. Opferberatungsstellen in 12 Bundesländern registrierten 3.453 rechte, rassistische und antisemitische Angriffe mit 4.861 Betroffenen, ein Anstieg um über 20% gegenüber 2023; täglich neun solcher Taten, mehr als die Hälfte rassistisch motiviert. Bis September 2025 zählte die Polizei bereits 27.835 rechtsmotivierte Straftaten, darunter 991 Gewaltdelikte.
Dazu kommt die AfD, die als gesichert rechtsextremistisch gilt. Studien zeigen Korrelationen zwischen AfD-Erfolgen und Anstiegen rassistischer Taten. Täter aus AfD-nahen Milieus oder mit AfD-Sympathien sind überproportional vertreten, und die Partei verharmlost oft rechte Gewalt.
Die Gefahr liegt in der Normalisierung von Hassrede, die zu Eskalationen führt; ähnlich wie in den 1990ern. Gegenmaßnahmen wie Verfassungsschutzbeobachtung und zivilgesellschaftlicher Druck mildern, beheben das Risiko aber nicht.
Also denke daran:
Amadeu Antonio wurde von einer etwa 50-köpfigen Gruppe rechtsextremer Skinheads und Jugendlicher mit Baseballschlägern und Zaunlatten gejagt und brutal attackiert. Rund zehn Täter umringten ihn, schlugen und traten massiv auf ihn ein, reichten sich den Baseballschläger weiter, während er bereits am Boden lag. Ein Angreifer sprang ihm schließlich mit beiden Füßen mehrmals auf den Kopf, was zu schweren Kopfverletzungen, Hirnblutungen und einem Koma führte.
Und mach was:
Wir können alle dazu beitragen, dass es besser wird. Wenn Menschen zusammenstehen, lokale Initiativen unterstützen und sich für Demokratie stark machen, können sie Veränderungen bewirken. Auch wenn es schwerfällt, auch wenn es Widerstand gibt und man sich damit allein fühlt. Aber überlege nur einmal, wie viele Menschen zusammenkommen bei Demos gegen Rechtsextremismus. Wie viele Demos der AfD kennst du? Und was kam da jemals an Leuten zusammen? Was ist mit all diesen schrägen Gruppen junger abgehängter Männer, die sich bei der „Dritten Weg“ etc. zusammenfinden? Da laufen 50 Kiddos in der Gegend rum, und ihnen stehen Tausende gegenüber.
Vergiss das nie.
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