Frankreich und die Schülerproteste
Die aktuellen Unruhen begannen ja bereits vor einigen Wochen als Schülerproteste, vor allem in den ärmeren nördlichen Vororten von Paris. Man kennt sie als Banlieues. „La Haine“ (deutscher Titel: Hass), ein französisches Schwarz-Weiß-Drama von Regisseur Mathieu Kassovitz aus dem Jahr 1995 zeigte damals schon sehr krass, wie Hass und Rache einen unaufhaltsamen Kreislauf der Gewalt erzeugen. Und das war schon vor über 20 Jahren.
Die Jugendlichen heute demonstrieren gegen massiven Lehrermangel, ständigen Unterrichtsausfall und marode Schulgebäude. Aus dem anfänglichen Schülerprotest hat sich schnell eine breite Bewegung entwickelt, die übrigens AUCH von Lehrkräften und Gewerkschaften unterstützt wird. Die zentralen Themen haben sich ausgeweitet auf:
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Hohe Lebenshaltungskosten und Inflation
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Sinkende Lebensstandards
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Mangelnde staatliche Investitionen in die Infrastruktur
Unter dem Motto „On en a marre!“ (Wir haben die Schnauze voll!) mobilisieren sich die Menschen inzwischen stark über die sozialen Medien. Es geht garnicht mehr so um ständigen Unterrichtsausfall. Es geht um eine beschissene Zukunft.
Wie sieht das eigentlich in Deutschland aus?
Im Schuljahr 2025/2026 fehlen bundesweit voraussichtlich rund 35.000 Lehrkräfte. Prognosen zufolge wird die Lücke bis 2035 auf etwa 49.000 unbesetzte Stellen anwachsen, weil viel zu wenige Lehramtsabsolventen nachrücken. Besonders kritisch ist die Lage in den ostdeutschen Bundesländern, wo das Personal stark überaltert ist. In Sachsen-Anhalt, Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern sind jeweils über 50 Prozent der Lehrkräfte älter als 50 Jahre. Auch in den MINT-Fächern, an beruflichen Schulen und in der Sonderpädagogik gibt es akute Engpässe. Unterrichtsausfall und Noten-Chaos: Der Personalmangel führt unweigerlich zu massiven Ausfällen. In Sachsen fallen beispielsweise landesweit fast 15 Prozent der Unterrichtsstunden komplett aus.
Ein weiteres Symptom ist fachfremder Unterricht: In Thüringen konnten zum Schulhalbjahr 2024/25 fast 61.000 Zeugnisnoten gar nicht erst vergeben werden, weil die entsprechenden Fächer nicht oder nur fachfremd unterrichtet wurden. Gleichzeitig steigt die Arbeitsbelastung der verbleibenden Lehrkräfte, und die Teilzeitquote hat mit über 42 Prozent einen neuen Rekord erreicht.
Die Infrastruktur vieler Schulen in Deutschland weist gravierende Mängel auf – von undichten Dächern über veraltete Sanitäranlagen bis hin zu fehlendem Hitzeschutz für immer wärmer werdende Sommer. Kommunen versuchen, Gelder aus Sondertöpfen wie dem Sondervermögen Infrastruktur für Schulen zu nutzen, doch bürokratische Hürden und Unklarheiten über Förderrichtlinien bremsen den Geldfluss vor Ort oft aus. Der immense angesammelte Investitionsrückstand bei Schulen lässt sich durch die aktuellen Förderprogramme bei Weitem nicht aufholen.
Wir haben hier ein chronisch belastetes und personell ausgezehrtes Schulsystem, in dem zuletzt auch die Zahl der Schulabgänger ohne Abschluss auf fast 65.000 gestiegen ist.
Die Lage auf den französischenStraßen
An landesweiten Protesttagen gehen mittlerweile Hunderttausende Menschen auf die Straße. Es kommt zu Demonstrationen, Straßenblockaden (etwa von Kreisverkehren und Brücken) und Streiks. Während der Großteil der Menschen, darunter viele Jugendliche, friedlich protestiert, mischen sich zunehmend gewaltbereite und extremistische Gruppen unter die Menge. Dies führt naturgemäß zu schweren Eskalationen: Die Polizei reagiert mit einem massiven Aufgebot und Tränengas; es gab bereits Hunderte Festnahmen und jede Menge Verletzte auf beiden Seiten.
Reaktion der Regierung
Die französische Regierung steht massiv unter Druck und versucht, den Konflikt zu entschärfen. Sie hat unter anderem zugesagt:
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3.000 zusätzliche Vertretungskräfte für die Schulen zu organisieren
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Zuschüsse für Energierechnungen und Tankhilfen für Menschen mit geringem Einkommen zu zahlen
Gleichzeitig warnen Wirtschaftsexperten, dass die Regierung angesichts der angespannten Haushaltslage Frankreichs keine unkontrollierten Ausgaben tätigen darf, um die Finanzmärkte nicht zu verunsichern. Im Kern handelt es sich um einen tief greifenden gesellschaftlichen Verteilungskonflikt. Also werden die Zusagen das eigentliche Problem der Perspektivlosigkeit auch nicht ändern.
Soweit so gut. Versuchen wir das mal einzuordnen.
Sind die Randalierer Kriminelle?
Die Taten selbst – wie Brandstiftung, Vandalismus und Angriffe auf Beamte – sind natürlich Straftaten und sie sind Scheisse. Punkt. Die Täterstruktur ist jedoch komplex. Soziologen erklären einen Teil der Gewalt aus einer tiefen sozialen Frustration heraus: Viele Vorstadtjugendliche haben über Jahre gelernt, dass die Politik sie nur dann wahrnimmt, wenn sie randalieren. Gleichzeitig berichten Beobachter von einem regelrechten „Gewalttourismus“: Opportunistische Randalierer und Trittbrettfahrer mischen sich gezielt unter die friedlichen Schüler:innen, um die unübersichtliche Lage für Zerstörung auszunutzen. Es handelt sich meist nicht um organisierte Bandenkriminalität, sondern um eine Mischung aus eskalierender Wut und opportunistischem Vandalismus.
Die Demografie: Migrantische vs. indigene Jugendliche
Die Protestbewegung lässt sich nicht auf eine einzige Bevölkerungsgruppe reduzieren. Da die Unruhen in den ärmeren Vorstädten (Banlieues) ihren Anfang nahmen, war der Anteil von Jugendlichen mit Migrationshintergrund dort naturgemäß hoch. Beobachter und Journalisten werten dies jedoch vielfach als Zeichen der Integration: Die Jugendlichen fordern das Gleichheitsversprechen der französischen Republik ein und pochen auf ihr Recht auf Bildung, statt sich in Parallelgesellschaften zurückzuziehen. Mittlerweile hat der Protest zudem Universitäten und Innenstädte in ganz Frankreich erfasst und wird massiv auch von Jugendlichen ohne Einwanderungsgeschichte getragen.
Die Einmischung politisch radikaler Kräfte
Sowohl der linke als auch der rechte Rand versuchen, die explosive Stimmung für sich zu nutzen:
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Die Linkspopulisten (La France Insoumise, LFI): Die Partei um Jean-Luc Mélenchon solidarisiert sich offen mit der Jugend und marschiert bei den Protesten mit. Sie prangert die teils drastische und übermäßige Polizeigewalt scharf an. Kritikern zufolge legitimieren einzelne LFI-Politiker dabei allerdings auch indirekt Brandstiftung und Gewalt als gerechtfertigten zivilen Ungehorsam. Man könnte fast an die Probleme der Linken mit dem Antisemitismus in ihren reihen denken…
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Die extreme Rechte (Rassemblement National, RN): Marine Le Pen und ihre Partei nehmen nicht an den Protesten teil, schlagen aber politisches Kapital aus der Eskalation. Sie nutzen die Bilder der brennenden Straßen, um extrem harte Strafen zu fordern, sich als einzige Garanten für Gesetz und Ordnung (Law and Order) zu positionieren und gegen die aktuelle Regierung zu mobilisieren. AfD Getue halt…
Da war doch was. Hatten wir das in Berlin nicht auch?
Der Vergleich mit den historischen 1.-Mai-Demonstrationen in Kreuzberg liegt sowas von nahe und trifft den Kern der Protestdynamik ziemlich genau. In der Konflikt- und Protestforschung ist das Phänomen der „Kaperung“ sozialer Bewegungen durch erlebnisorientierte Gruppen bestens dokumentiert. Zwischen den aktuellen Entwicklungen in Frankreich und den Berliner Mai-Krawallen der 2000er Jahre gibt es drei auffällige Parallelen:
1. Die Eskalation durch Krawalltourismus In Berlin vermischten sich die politisch motivierten Demonstranten schnell mit Jugendlichen, denen es primär um den Adrenalinkick und die physische Auseinandersetzung mit der Staatsmacht ging. Darunter waren viele aus den lokalen, oft migrantisch geprägten und sozial benachteiligten Milieus, aber auch von außerhalb angereiste Randalierer. In Frankreich zeigt sich aktuell das exakt gleiche Bild: Die sogenannten Casseurs (Randalierer) interessieren sich nicht für Bildungspolitik oder Inflation. Sie nutzen die Deckung der legitimen Massenproteste systematisch für Plünderungen, Vandalismus und Straßenkämpfe.
2. Der fatale Verlust der eigentlichen Botschaft Sobald brennende Barrikaden die Bilder dominieren, verschiebt sich der mediale und politische Diskurs sofort. Beim 1. Mai in Berlin redete am Tag danach niemand mehr über soziale Verdrängung oder prekäre Arbeitsverhältnisse, sondern ausschließlich über Polizeistrategien, Glasbruch und Sicherheit. Genau das passiert jetzt in Frankreich: Die völlig berechtigte Debatte über marode Schulen, kaputtgesparte Infrastruktur und soziale Kälte wird JETZT von der Debatte über innere Sicherheit und härtere Strafen überschattet. Die friedlichen Initiatoren der Proteste werden damit unsichtbar.
3. Die Stigmatisierung und Instrumentalisierung Sowohl damals in Berlin als auch heute in Frankreich führt diese Dynamik dazu, dass soziale Verteilungskämpfe ethnisiert werden. Wenn die sichtbare Gewalt auf der Straße stark von marginalisierten Jugendlichen mit Migrationsgeschichte ausgeht, nutzen rechte politische Kräfte diese Bilder gezielt. Instgram ist voll davon. Und die Medien mischen kräftig mit. Sie diskreditieren die gesamte Protestbewegung und ganze Stadtviertel pauschal, anstatt die strukturelle Perspektivlosigkeit, Armut und den Alltagsrassismus in diesen Vierteln als eigentliche Zündschnur zu benennen.
Interessanterweise hat Berlin das Problem am 1. Mai letztlich mit genau der Philosophie gelöst, für die auch der Zug der Liebe steht: Der öffentliche Raum wurde durch das „Myfest“ mit Musik, Bühnen und nachbarschaftlichem Zusammenfeiern positiv besetzt. Die Krawallmacher fanden keinen Raum mehr für ihre Straßenschlachten, weil die Straßen bereits mit friedlicher Kultur gefüllt waren.
(Das offizielle Berliner Myfest in Kreuzberg ist zwar nicht dauerhaft per Gesetz verboten, findet aber seit 2020 (ursprünglich wegen Corona, später durch einen heftigen Streit zwischen Veranstaltern und dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg) nicht mehr offiziell statt. Nach dem letzten regulären Myfest 2019 fielen die Ausgaben 2020, 2021 und 2022 corona-bedingt aus. Seit 2023 weigerte sich der Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg unter Bürgermeisterin Clara Herrmann, das große kommerzielle Straßenfest in dieser Form zu unterstützen. Die Initiatoren warfen dem Bezirk vor, das Fest „abzuwürgen“, während der Bezirk eine Entlastung der Anwohner und weniger kommerzielle Großevents im Kiez fordert. Auch für die Folgejahre (inklusive 2024, 2025 und 2026) gab es kein offizielles Myfest. Dennoch versammeln sich am 1. Mai weiterhin Menschen zu spontanen Open-Air-Treffen und kleineren Versammlungen im Kreuzberger Kiez (rund um den Oranienplatz, Mariannenplatz und Görlitzer Park). Eine Eskalation dürfte vielelicht bald folgen. Es brodelte schon ob der restriktiven Maßnahmen in letzter Zeit.
Wie kann ich Proteste vor Kaperung schützen?
Friedliche soziale Bewegungen können auf eine Kombination aus räumlicher Planung, Kommunikationsstrategien und Veranstaltungsdesign setzen, um Randalierern die Anonymität und die taktischen Vorteile zu entziehen. Allerdings half uns das auch nicht, als Corona Leugner unsere Demo bedrängten. Wenn sich eine DEMO bewegt, ist eine räumliche Planung nicht möglich, maximal die Entscheidung welche Bezirke man durchquert, lässt sich festlegen.
Gewaltbereite Gruppen benötigen aber eine aggressive oder zumindest angespannte Grundstimmung, um unauffällig agieren zu können. Wenn eine Demonstration durch Musik, Kunst, Reden und eine familiäre Atmosphäre geprägt ist, fallen Krawalltouristen sofort auf und werden als Störfaktoren wahrgenommen. Eine Kombi aus Awareness Team, Ordner:innen mit Funken und Polizeiteams plus Fokus auf Kultur und Unterhaltung macht es Randalierern emotional und taktisch unmöglich, die Menge mitzureißen. Yoda würde sagen: „Den Beat du kontrollieren musst!“
Eine unstrukturierte, homogene Menschenmasse bietet den perfekten Schutz für Gewalttäter. Veranstalter können große Demonstrationen in klar definierte, thematische Blöcke aufteilen (z. B. Familien-Block, Gewerkschafts-Block, NGO-Wagen). Wer auf Ärger aus ist, kann sich in einem Block voller Familien mit Kinderwagen oder bunt verkleideter Aktivisten nicht verstecken, ohne sofort isoliert zu werden.
Krawalltourismus sucht oft den Schutz der Dunkelheit und enge Straßen, die sich leicht verbarrikadieren lassen. Friedliche Bewegungen sollten daher meist breite, offene Straßen wie die Karl Marx Allee wählen und ihre Veranstaltungen bei Tageslicht beenden. Die Weitläufigkeit nimmt den Randalierern den taktischen Vorteil gegenüber den Sicherheitskräften.
Sobald die ersten Steine oder Flaschen fliegen, müsst ihr sofort über Lautsprecherwagen und soziale Medien reagieren. Das bedeutet: Klare, laute Distanzierung von der Gewalt, Aufforderung an die friedlichen Teilnehmer, auf Abstand zu den Störern zu gehen, und notfalls der sofortige Abbruch oder die Umleitung der Demonstration. Wer schweigt, lässt zu, dass die Bilder der Gewalt zur Botschaft der gesamten Bewegung werden.
