Bässe verbinden: Wie der Zug der Liebe Haltung hörbar gemacht hat
Was als einmalige Demonstration begann, wurde zur lauten Stimme einer Bewegung – gegen Ausgrenzung, für Mitgefühl, Vielfalt und Solidarität. Der Zug der Liebe hat in den letzten zehn Jahren bewiesen, dass politische Botschaften und elektronische Musik keine Gegensätze sind. Ob gegen Rechtsruck, Gentrifizierung oder soziale Kälte: Hier wurde Haltung nicht nur gezeigt, sondern gefeiert.
Was in den zehn Jahren passiert ist, erfahrt ihr hier.
2015
Der Startschuss. Eine Demonstration für mehr Mitgefühl, gegen soziale Kälte. 28.000 Menschen versammeln sich erstmals, um mit Musik, Trucks und Transparenten ein Zeichen zu setzen. Die mediale Aufmerksamkeit ist groß, die Abgrenzung zur Loveparade wird klar kommuniziert. Statt Kommerz steht Haltung im Fokus. Die Stimmung: politisch, freundlich, klar. Das Motto dieses ersten Jahres: Mitgefühl per Bassline.
Im ersten Jahr will das niemand von der Presse so richtig glauben. Jens, Mitgründer und Pressechef, führt rund 90 Interviews, in denen er erklärt: Wir sind nicht die neue Loveparade. Nicht ganz einfach bei dem Namen. Geplant waren eigentlich nur maximal fünf Trucks und so 5000 Menschen. Hauptsache mehr als Pegida. Hat wohl geklappt. Sogar sehr gut.
2016
Der Protest richtet sich gegen den Einzug der AfD ins Berliner Abgeordnetenhaus. Eigentlich war der Zug der Liebe als einmalige Aktion gedacht. Doch das Thema ist zu wichtig, das politische Klima zu angespannt, um wieder aufzuhören. Zeitgleich entsteht die Idee zu einer Plakataktion mit Berliner Clubs. Sisyphos, Ritter Butzke, Klunkerkranich, Magdalena, Golden Gate, YAAM, Gretchen, Maze, VOID und SchwuZ machen mit. 5000 Plakate gegen Hetze hängen in der Stadt, in den Eingängen der Clubs, auf Toiletten, an Barwänden. Die Resonanz ist stark.
Wir klären auf, was die AfD in Berlin wirklich will, und zeigen, dass Berlins wichtigstes kulturelles Aushängeschild – die Clubszene – nichts mit Abgrenzung oder Ausgrenzung anfangen kann. Unsere Clubs sind so international wie die Stadt selbst. An der Tür, hinter der Bar, am DJ-Pult – dort arbeiten Menschen aus über hundert Nationen. Die Botschaft: Wenn selbst deine Lieblingsclubs Haltung zeigen gegen Rechtspopulismus, solltest du das auch tun.
Gleichzeitig werden die Wagen der Demo verstärkt von NGOs und Aktivist∗innen gestaltet. Die Demonstration wird thematisch pointierter. Die Verbindung aus Politik und Clubkultur nimmt konkretere Formen an. Es gibt sichtbare Kritik an Infrastruktur, Gentrifizierung und Wohnraummangel. Die Musik bleibt laut, aber der Inhalt wird klarer. Das Motto lautet: Gegen Beton und Verdrängung.
Berlin Nazifrei marschiert vorneweg. Das kostet uns rund 2000 Gäste aber das ist in Ordnung. Spätestens jetzt ist klar: Wir sind keine Ballermann-Parade.
2017
Im Fokus steht die Presse- und Meinungsfreiheit. In einer Zeit, in der autoritäre Tendenzen weltweit zunehmen, positioniert sich der Zug deutlich. Die Auftaktkundgebung wird gemeinsam mit Reporter ohne Grenzen gestaltet. Die Route führt erneut durch zentrale Bezirke Berlins. Auch Regen kann die Stimmung nicht trüben. Die Demo bleibt tanzbar, aber das politische Profil wird geschärft. Das Motto: Pressefreiheit verteidigen.
Das Thema ist hochrelevant angesichts der ganzen Putins, Erdogans und Trumps, aber auch in unserem direkten Umfeld. Wir prügeln uns auf Facebook verbal die Köpfe ein, Populisten bestimmen die Schlagzeilen, Identitäre klettern auf unser Brandenburger Tor. Blockieren ersetzt den Dialog. Medien aller Art wie Magazine, Zeitungen, Fernsehsender und ihre Vertreter werden diffamiert, bedroht, angegriffen.
Pressefreiheit wird eingeschränkt durch mangelnde Transparenz, durch Verweigerung von Zugang zu politischen Veranstaltungen, durch gezielte Desinformation. Der absurde Vorwurf einer gelenkten Lügenpresse hat eine gefährliche Filterblase geschaffen, in der rationale Diskussion nur noch als Täuschungsmanöver gilt. Auf der Straße zeigen wir, wo echte Mehrheiten sind.
2018
In diesem Jahr sind wir krass. Die Besucherzahlen steigen, knacken locker die 50.000, vielleicht 60.000, manche sprechen von 70.000. Es ist zu viel. Es wird eng. Die Polizei wirkt überfordert – auch, weil sie wie jedes Jahr zu wenig Einsatzkräfte mitbringt. Gleichzeitig bleibt die Demo pflegeleicht. Keine Ausschreitungen, keine Eskalationen.
Intern ist es das beste Jahr bisher. Auch wenn 2023 später nochmal ein neues Level bringt, läuft hier einfach alles. Die Liste der Vereine ist großartig. So viele unterschiedliche Initiativen auf den Wagen, so viele Stimmen, die sonst kaum zu hören sind. Es ist das Jahr, in dem sich der Zug in der Stadt verankert. Nicht mehr neu, nicht mehr Experiment sondern fester Bestandteil der politischen Clubkultur Berlins.
WICHTIG:
Im August 2018 in der ersten Folge von 1000 Tage Techno treffen Dr. Motte (Vater der Love Parade), Martin Hüttmann (Zug der Liebe, ehemals Hate-/Fuck-Parade) und Jens Schwan (Pressesprecher des Zug der Liebe) aufeinander.
Die Stimme des Love Parade-Vaters trifft auf die Alternativbewegung, die sich dezidiert abgrenzt. 2019 gründet Dr. Motte dann Rave The Planet. #sideeye
2019
Dreißig Jahre nach dem Mauerfall setzt der Zug ein Zeichen gegen neue Meinungsmauern. Am 9. November 1989 fiel die Grenze zwischen Ost und West – ein Ereignis, das ein Land, Familien und Freundeskreise wieder zusammenführte. Das muss gefeiert werden. Noch vor dem offiziellen Jubiläum nimmt der Zug der Liebe dieses historische Datum zum Anlass, ein Zeichen zu setzen: Gegen Intoleranz, Rassismus, Homophobie. Für Diversität, Nächstenliebe und die Einheit aller Menschen – egal welcher Herkunft.
Dummerweise hat sich längst eine neue Mauer gebildet. 2015, mit dem Krieg in Syrien, kamen die ersten Ziegel ins Fundament. Diese Mauer besteht nicht aus Beton, sondern sitzt fest in den Köpfen. Und genau die wollen wir einreißen. Wenn Parteien wie die AfD behaupten, die Wende vollenden zu wollen, dann hat das nichts mit der friedlichen Revolution von 1989 zu tun. Damals ging es um Demokratie und Freiheit – heute geht es bei ihnen um Spaltung und Angst.
Die Demo findet statt, wird aber medial weniger begleitet. Der Clickbait Drops ist gelutscht. Es ist jetzt wirklich ganz sicher nicht die neue Loveparade. Intern hingegen konsolidiert sich das Netzwerk. Neue Strukturen entstehen, die Organisation professionalisiert sich weiter. Der politische Anspruch bleibt erhalten, der Fokus liegt auf Sichtbarkeit für soziale Projekte. Noch ahnt niemand, dass im Dezember die ersten Berichte über eine mysteriöse Lungenkrankheit aus Wuhan auftauchen werden.
2020
Pandemie. Der klassische Zug kann nicht stattfinden. Stattdessen verlagert sich der Protest ins Digitale. Online-Streams, Videobotschaften, alternative Formate. Die Community zeigt sich solidarisch. Trotz Distanz wird Nähe erzeugt. Der Verein bleibt aktiv, auch wenn der Asphalt leer bleibt. Die Bässe wandern ins Netz, das Anliegen bleibt analog relevant.
Statt der großen Parade organisiert der Zug der Liebe Kiezfeste für gemeinnützige Vereine als Corona-gerechte Alternative. Zwischen August und September finden fünf dezentrale „Tag der offenen Tür“-Events statt. Diese lokalen Social Meet-ups bringen Menschen coronakonform zusammen. Es wird genetzwerkt, gelacht, informiert. Statt einer Massenveranstaltung entstehen fünf Begegnungsräume mit Inhalt. Solidarisch, bunt, nahbar.
Dazu kommt ein Livestream am 22. August mit Pop-up-Events in Locations quer durch die Stadt. Berlin-Kollektive, Künstler:innen und Vereine gestalten eigene Formate – keine Parade, aber viele kleine Bühnen. Social-Media-Streams statt Umzug. Falls jemand behauptet, das stünde nicht bei Wikipedia… stimmt. Weil irgendein Mod mit Allmachtsfantasie entscheidet, was “lexikalisch relevant” ist und was nicht. Ist aber trotzdem passiert. 2020 startet auch unsere erste Winterhilfe für Obdachlose. Zusammen mit Erste Sahne e.V., Inklusion muss laut sein und der Berliner Obdachlosenhilfe e.V. waren wir unterwegs und verteilten Gutscheine zum Einkaufen, warmen Wintersachen sowie Essen.
2021
WIR FÜR EUCH steht 2021 für Aufbruch. Nach der Pandemiepause will der Zug der Liebe allen Berliner:innen ein Gefühl von Aufschwung zurückgeben und zeigen, wie vielfältig, solidarisch und lebendig die Berliner Kultur ist. Das Motto bringt auf den Punkt, worum es geht: Toleranz und Menschlichkeit als Basis einer offenen Gesellschaft. Es steht für ein gewachsenes Netzwerk, das seit sechs Jahren besteht, sich gegenseitig unterstützt.
Der Fokus liegt auf Diversität, Solidarität, Gemeinsamkeit. Aber dann passiert das: Die Veranstaltung muss nach vier Stunden abgebrochen werden… eine bittere Entscheidung. Was als Zeichen für Zusammenhalt gedacht war, wird von außen gestört. Coronaleugner und Reichsbürger attackieren die Demo. Irgendwann wird die Notbremse gezogen. Doch der Zusammenhalt bleibt bestehen, sowohl online, im Netzwerk, und in der Szene.
2022
Zaghafte Rückkehr in den Stadtraum. Die Energie kehrt zurück, aber die Realität nach der Pandemie ist eine andere. Weniger Ressourcen, neue Herausforderungen – aber ein stabiles Netzwerk. Die Demonstration wird vorbereitet, Strukturen reaktiviert. Unser Motto für 2022 lautet: wir machen sichtbar. Wir machen Menschen sichtbar, die Zeit und Energie in andere investieren. Die Nächstenliebe als Teil ihrer Freizeit leben. Die mit anpacken auch wenn sie müde sind, genervt oder einfach keine Lust haben.
Sichtbar machen heißt: Alle teilnehmenden Vereine profitieren von unserer Reichweite und unserem Netzwerk. Sie sind die Schirmherren eines LKWs und bekommen Sichtbarkeit für das, was sonst oft übersehen wird. Dank der Hilfe von engagierten Kollektiven, Veranstaltern und Clubs ist die Teilnahme für alle Vereine grundsätzlich kostenfrei.
Unsere Rolle hat sich weiterentwickelt. Wir unterstützen nicht nur andere gemeinnützige Organisationen – wir handeln selbst.
Kiezfeste, Winterhilfe für Obdachlose, Workshops mit Kindern, Beteiligung an den Berliner Freiwilligentagen, Aktionen im Rahmen des „wirBERLIN“-Projekts. Die Stimmung bei der Demo ist aufgeblüht, bejubelnd, bejahend. Ein wirklich guter Tag. Vielleicht der beste seit 2018.
2023
Der Zug kehrt zurück. Das Motto lautet: Mehr Liebe für die Welt von morgen. Die Themen reichen von Antirassismus über soziale Gerechtigkeit bis zu ökologischen Fragen. Die Veranstaltung ist leiser als früher, aber inhaltlich fokussierter. 90 dB – nun ja. Aber auch mit gedrosselter Lautstärke bleibt der Kern bestehen: Musik und Engagement sind kein Widerspruch. Der Anspruch, mehr zu sein als eine Party, wird eingelöst.
„Wir können nicht die Probleme der Welt lösen, aber wir wollen denen, die weltweit oder lokal Menschen in Krisen- und Katastrophengebieten mit Obdach und lebenswichtigen Hilfsgütern versorgen, supporten, wo wir können“, sagt der Sprecher des Vereins Zug der Liebe. Es ist ein bewusst fast naiver Slogan. Eine Offenheit, die verletzlich macht – und vielleicht genau deshalb wirksam ist. Im August ist die Welt von morgen noch nicht mit dem 7. Oktober konfrontiert. Die Welt ist schon brüchig, aber das große Beben steht noch bevor.
2024
Der Zug der Liebe zieht am 31. August 2024 unter dem Motto „Bässe verbinden“ erneut durch Berlin – als klare Demonstration für Toleranz, Vielfalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt.
15 Musiktrucks ziehen mit lokalen Kollektiven von Mauerpark bis Oranienstraße – laut Presse ein symbolstarker Protestzug. Organisatorisch ist der Zug klar politisch aufgestellt: Nationalflaggen sind untersagt, ebenso Banner mit antiisraelischer Botschaft oder Verschwörungsinhalten. Wer sich nicht an das Leitbild hält, wird konsequent ausgeschlossen. Damit grenzt man sich deutlich von populistischen Narrativen ab und zeigt Haltung. Die Route machte die ganze Stadt sichtbar: von Bernauer Straße über Danziger Straße, Landsberger Allee, Unter den Linden bis zur Oranienstraße. Später schwenkte der Zug über „Unter den Linden“ und Friedrichstraße zur Afterparty im Ritter Butzke.
Medial wurde der Zug als „kleiner, aber inhaltlich spannender“ empfunden, gerade im Vergleich zu Formaten wie Rave The Planet. Laut Tagesspiegel war es inhaltlich klar positioniert: gegen Hass, Spaltung und gegen Ausgrenzung durch kulturelle Machtnahmen
Fazit für 2024:
Politische Klarheit, kreative Kultur, und das Ziel, Solidarität sichtbar zu machen. Ohne Kompromisse.
Bist du beim Zug der Liebe dabei oder findest du ihn einfach gut? Dann hilf uns bitte, diese wichtige Botschaft wieder laut und bunt auf die Straße zu bringen – spende jetzt und werde Teil des Zuges der Liebe.
