FÜR Leben statt Hauptstadtwahn ohne Armut und Gentrifizierung

Artikel 14 des Grundgesetzes sagt: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“

Artikel 14 des Gentrifizierungsgesetzes sagt: „Eigentum verpflichtet zu höchstmöglichem Profit. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle des Investors dienen.“

Was ist das überhaupt, dieses Gentridingens?

„Gentrifizierung, die: Aufwertung eines Stadtteils durch dessen Sanierung oder Umbau mit der Folge, dass die dort ansässige Bevölkerung durch wohlhabendere Bevölkerungsschichten verdrängt wird.“ So beschreibt der Duden dieses Phänomen.

Manchmal sind die Folgen extrem lustig, wenn auch leicht verstörend. Jemand hat mal Anfang 2015 die Infobroschüre einer evangelischen Kirchengemeinde in Berlin-Mitte gepostet. Dabei gings um „Taufen“ und es waren 29 Namen von Kindern und Erwachsenen zu lesen.

Bitte schön:

Viktor Paul Theodor, Ada Mai Helene, Rufus Oliver Friedrich, Cäcilie Helene, Edvard Neo, Freya Luise Apollonia, Frederick Theodor Heinrich, Leonore Anna Maria Chiara Helena.

Mal abgesehen davon, dass Taufen im Ostteil der Stadt sicher 40 Jahre lang ausgestorben waren, sind die Namen schlichtweg der Kracher, und offenbaren den Wandel der ansässigen Bevölkerung. Der Wortsinn der Gentrification – der auf die Wiederkehr des niederen Landadels (der Gentry) in den Städten anspielt – bekommt hier wirklich erschreckenden Realitätsgehalt. Aber hey, das können ja trotzdem auch alles nette Leute sein, und Namen sind eh nur Schall und Rauch.

Fakt ist, die Gentrifizierung macht auch vor Berlin nicht Halt. Was in New York und London schon vor zig Jahren passierte, hält nun auch hier seit einem Jahrzehnt Einzug. Die Künstler bringen Szene, die Szene sorgt für Veränderung und die Veränderung führt zur Verdrängung: An der Gentrifizierung und seinen Auswirkungen kommt kaum eine Großstadt vorbei. Auch nicht Berlin. Besonders stark von der Gentrifizierung betroffen sind dabei ausgerechnet die ehemaligen Arbeiterbezirke Friedrichshain, Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Neukölln.

Einiges davon kennt Ihr sicher auch:

Das Projekt „Mediaspree“
Die Besetzung des Seniorentreffs in Berlin-Pankow
Der Teilabriss der „East Side Gallery“
Die Bebauung des Tempelhofer Feldes und des Mauerparks
Die Doku von Gertrud Schulte Westenberg und Matthias Coers namens ‚ „Mietrebellen“
Das Blu in der Cuvrystraße sein Kunstwerk aus Protest gegen den Luxusinvestorenboom übermalte
Der Horror ums Tacheles Gelände
Die sehr sehenswerte ARD-Doku „Wem gehört die Stadt?“

Teilweise gibt es schon Bemühungen, zum Beispiel die sogenanten 22 Milieuschutzgebiete. Jetzt sollen auch Kieze in Moabit und Wedding hinzukommen, um Luxussanierungen und Verdrängungen zu verhindern – und Mieten niedrig zu halten. ABER: „Die Möglichkeiten, die Mieten mit der Verordnung zum Milieuschutz zu begrenzen, sind eingeschränkt“, sagt Baustadtrat Spallek dazu.
Im Prenzlauer Berg hat sich allein zwischen 1995 und 2000 die Hälfte der Bevölkerung ausgetauscht, seit dem Mauerfall insgesamt, man kann es nur schätzen, sind 80 Prozent der Bewohnerschaft neu hinzugezogen.

Die Zahl der Mietwohnungen, die in Eigentum umgewandelt wurden, hat sich im vergangenen Jahr fast verdoppelt. Nach Stadtentwicklungssenators Andreas Geisel (SPD) Angaben sind 2011 rund 4700 Wohnungen umgewandelt worden, 2014 seien es schon 9200 gewesen.

Wenn es so weiter geht, kann auch gleich der S-Bahn Ring zu einer Mauer umfunktioniert werden. Die Innestadt wird dann zur Gated Community, in der eine Passkarte für Zutritt sorgt. In den Außenbezirken wohnen dann Alte und Geringverdiener. Klingt total doof und vollkommen überzogen? Klar, eine Mauer ist total unnötig, denn wenn du deine Miete nicht bezahlen kannst, bist du sowieso draußen.

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